Donnerstag, 17. Mai 2012 | Gesundheitswesen Magazin

Arztbewertung

29.05.2010 | 16:07 Uhr

Ärzte-Bewertungen in Online-Portalen werden von Ärzten stark kritisiert

Nördlingen – Der Bundesverband der Allgemeinen Ortskrankenkassen (AOK) kündigte zum Juni 2010 die Einrichtung eines Internet-Portals für die AOK-Mitglieder in Berlin, Hamburg und Thüringen an, auf dem die Mitglieder Ärzte nach unterschiedlichen Kriterien bewerten können. Johannes Hiller, Direktor der AOK Donauwörth, erklärte den Rieser Nachrichten, die eine Übernahme des Portals auch in Bayern anfragten: „Dazu werden im Herbst die Ergebnisse der laufenden Portale kritisch in Augenschein genommen, wobei wir auch die Meinung von Ärzten einholen.“

Hiller erklärte, dass das Portal gegen unsachliche Diffamierungen abgesichert worden sei. So können Mitglieder lediglich 30 Fragen beantworten, jedoch keine Kommentare eingeben. So bleibt der statistische Charakter erhalten.

Die Anmeldung erfolgt über die Versichertennummer und darf pro Arzt nur einmal durchgeführt werden. Dafür kann das Mitglied zuvor gegebene Antworten jederzeit korrigieren. Die Durchschnittswerte werden nach der Eingabe von mindestens zehn Patienten veröffentlicht. Dabei hat jeder bewertete Arzt die Möglichkeit, seine Daten sperren zu lassen.

Hiller betont, dass die Bewertung keine medizinische, sondern nur eine soziale, kommunikative und organisatorische Bedeutung habe. Dazu zählen die Freundlichkeit, Wartezeiten und die Gesprächsbereitschaft der Ärzte. Hiller verweist auf den hohen Patientennutzen, da Patienten so eine gute Orientierungsmöglichkeit bei der Wahl ihres Arztes haben. Der Nutzen für die Ärzte bestehe darin, eventuell bestehende Kritikpunkte kontinuierlich zu verbessern und so auch die Bewertungen zu verbessern.

Dr. Claudia Völkl erklärt, warum die Ärzte dem Bewertungsportal nicht so aufgeschlossen gegenüberstehen. „Wie wohl die meisten Hausärzte habe ich mit solch einer Bewertung keine Probleme. Nehmen wir an, eine Praxis bekommt herausragende Bewertungen. Dann wollen alle dorthin, müssen aber erfahren, dass längst keine Patienten mehr angenommen werden.“ Völkl geht davon aus, dass gute Ärzte schon vorher durch entsprechende Mundpropaganda regen Zulauf hatten. Dies führt aber in aller Regel zu einem Aufnahmestopp für neue Patienten, so dass die Orientierungshilfe streng genommen völlig wertlos sei.

Ein weiterer störender Punkt besteht für Völkl darin, dass keine Aussage über die fachliche Qualifikation des Arztes getroffen wird, sondern lediglich beurteilt wird, ob die Arzthelferinnen nett und die Wartezeiten vertretbar sind. Dies sieht auch das Vorstandsmitglied des Praxisnetzwerks Donau-Ries, Dr. Mark Tanner, so: „Das verzerrt das Ansehen von Ärzten, die fachlich exzellent sind, aber keine schönen Möbel herumstehen haben.“

Völkl und Tanner fragen sich, ob ein solches Portal wirklich zu den Aufgaben einer Krankenkasse gehört und ob die Gelder von Versicherten nicht sinnvoller ausgegeben werden sollten, zumal ohnehin jeder Arzt Patientenbeurteilungen im Rahmen des Qualitätsmanagements einholen muss. Außerdem, so Völkl: „Der Arzt weiß in der Regel sehr wohl, wo Schwachstellen im Praxisbetrieb sind. Dass man sie hinnehmen muss, hat zumeist finanzielle Gründe; man kann sich beispielsweise eben nur eine bestimmte Anzahl von Mitarbeitern leisten. Und die meisten Ärzte würden gerne doppelt so lange mit ihren Patienten reden, aber die ökonomischen Rahmenbedingungen für eine Praxisführung lassen dies nicht zu.“

Durchgeführte Befragung: Quelle AOK Bundesverband

Durchgeführte Befragung: Quelle AOK Bundesverband

Redaktion Gesundheitswesen Magazin

Kommentare

5 Kommentare zu “Ärzte-Bewertungen in Online-Portalen werden von Ärzten stark kritisiert”
  1. Jacqueline Mangold sagt:

    Es geht nicht um schöner Möbel. Wenn ich aber bereits an der Empfangstheke kaltschnäuzig und unfreundlich aufgenommen werde, eine halbe Stunde (trotz Termin) im Wartezimmer warten muss und eine “Fragebogen” (sprich “Aufklärung”) ohne Unterstützung ausfüllen muß, um dann in einem Behandlungszimmer- mit reger ein-und-ausgang, inklusive Reinigung des für den Laien äusserst unappetitlichen Untersuchungsapparatus-48 Minuten weitere Wartezeit im Kauf nehmen muss, um dann noch von einem Arzt der sich nicht mal ordentlich vorstellt, quasi “vergewaltigt” zu werden, dann finde ich gehört das Publik gemacht. Am Telefon alles mögliche versprochen, dann in der Praxis war nichts mehr von dem möglich….ich finde, Leute müssen vor solche Praxen gewarnt werden.

  2. Gabriele Krämer sagt:

    Frau Dr. Claudia Völkl und Herr Dr. Mark Tanner qualifizieren die Kassenpatienten
    als „dumm“ ab.

    Als seien Patienten nicht fähig einen guten Arzt zu erkennen.

    Die Qualifikation eines Arztes erkennt man an den Umgang mit dem Patienten, an der Untersuchung und Beratung.

    Ein Stück Papier – mit guten Noten – macht noch lange keinen guten Arzt.
    Das ist überhaupt nicht aussagefähig. Papier ist geduldig.

    Ich persönlich kenne eine Praxis mit uralten Möbeln, und die Praxis ist überlaufen – weil der Arzt 1a ist.

    NEHMEN SIE DIE PATIENTEN DOCH EINFACH MAL ERNST!

    Und haben Sie doch einfach mal den Mut, zuzugeben, dass es auch schlechte Ärzte gibt.
    Sehr, sehr schlechte sogar!!!!!!
    Und da spreche ich aus eigener Erfahrung.

  3. Christine Kluge sagt:

    Jede Krankenkasse sollte so was einführen. Oder noch besser alle Kassen zusammen ein einziges Arztbewertungsportal.
    Aber eigentlich sollte man als Patient nicht nur vorgegebene Fragen beantworten können, sondern auch Kommentare abgeben. Nur so kann man doch richtig von seienen Erfahrungen berichten.
    Was ich schon bei Ärzten erlebt habe das hätte ich früher nicht für möglich gehalten. Und wenn dann die wichtigsten Teile der Unterlagen verschwunden sind, hat man ja auch vor Gericht keine Chance.
    Da wäre es doch wirklich im Interesse aller Patienten und auch der Krankenkassen wenn man so was unzensiert kundtun könnte.

  4. Christine Kluge sagt:

    Ach, ich lese gerade, der Termin ist auf unbestimmte Zeit verschoben. Wieso denn das???

    Übrigens das Bewertungsportal “Stiftung Gesundheit”, welches auch bei der BKK eingebunden ist, ist auch mit Vorsicht zu geniessen. Meine Bewertung eines schlechten Arztes wurde nicht gedruckt!
    Ausserdem bieten sie auch für Ärzte Leistungen an unter dem Slogan “Wir sind ihre Spürnase im Netz”.
    Hier mal als Zitat von ihrer Website

    “Die Spürnase im Netz kontrolliert Ihren guten Namen
    Wissen Sie eigentlich, was in den verschiedenen Bewertungsportalen im Netz alles über Sie steht? Ob Lob oder Schmähungen, ob konstruktive Kritik oder Niederträchtiges: Wir kontrollieren, was Patienten bei den fünf führenden Portalen über Sie schreiben. Und wir informieren Sie.

    Leistungsumfang:
    • Ermittlung der fünf reichweitenstärksten Arztbewertungsportale im deutschen Internet
    • wöchentliche Kontrolle, was über Sie, über Ihre Praxis an Bewertungen, Kommentaren, Kritik, Benotung usw. steht
    • Report direkt an Sie, wenn neue Veröffentlichungen zu Ihrer Person, Ihrer Praxis ermittelt werden
    • bei Schmähungen: Tipps zum möglichen Vorgehen mit den richtigen Rechtsquellen, auf die Sie sich berufen können sowie hilfreiche Formschreiben und die Adressen und Ansprechpartner bei den kontrollierten Portalen

    Kosten: Zusammen mit den Leistungen aus Paket 1
    190,- Euro pro Monat zzgl. ges. MwSt.

    Laufzeit: jährlich”

    Wen wundert es da, dass ich auf der ganzen Seite keinen wirklich schlecht bewerteten Arzt gefunden habe. Es gab zwar einzelne wenige schlechte Bewertungen, aber diese waren jedesmal zeitnah durch eine “super Bewertung” ausgeglichen.

    Viele Grüsse

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