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Generika und Re-Importe: Droht das Ende des Medikamenten-Zweigs?

Vertrieb von Generika am Ende?
Angesichts der Reformpläne der schwarz-gelben Koalition in Berlin reibt sich derzeit so mancher Chef eines Pharmaunternehmens in Hessen die Augen. Die Unruhe betrifft vor allem den Mittelstand. Ein Neubauvorhaben stoppte Hennig Arzneimittel in Flörsheim mit dem Verweis auf die Sparideen des liberalen Gesundheitsministers Philipp Rösler. Der Unternehmer Dirk Ulrich gehört ebenfalls zu den Unternehmen, die gleich aus zwei Richtungen erhebliche Nachteile für den Betrieb und die Belegschaft zukommen sehen. Unternehmen jenseits von „Big Pharma“ fürchten die mögliche Reform der Rabattverträge mit Krankenkassen und den angekündigten höheren Herstellerrabatt, so Ullrich in einem Bericht der Frankfurter Allgemeinen (FAZ). Beim Sparen hilft den Kassen die Axicorp GmbH, geführt durch den früheren Sanofi-Mann mit Sitz in Friedrichsdorf.
HintergrĂĽnde zur Axicorp GmbH
Gegründet wurde die Axicorp Gmbh im Jahre 2002 und erzielte allein im letzen Jahr einen Umsatz von 133 Millionen. Zu 78 Prozent gehört sie Biocon, einem Biotech-Konzern aus Indien.
Die zwei Geschäftszweige des Unternehmens befassen sich mit dem Vertrieb von günstigen Nachahmermedikamenten, sogenannten Gererika und dem Re-Import von Arzneien. Re-Importe sind Originalpräparate, welche zuerst in Deutschland hergestellt und dann zunächst exportiert wurden. In Portugal oder Griechenland kosten diese Medikamente wesentlich weniger als in Deutschland. Dies liegt aber nicht nur an der höheren Mehrwertsteuer in Deutschland.
Ein Unternehmen wie Axicorp macht sich den Preisunterschied von bis zu einem Drittel zunutze: Medikamente werden im Ausland eingekauft und wieder nach Deutschland importiert. Der Gesetzgeber wünscht sich ausdrücklich so ein Geschäftsgebaren. Der Umsatz von Apotheken muss zu fünf Prozent aus Re- oder Parallel-Importen bestehen; letzteres sind im europäischen Ausland hergestellte Originalpräperate.
Ullrich hebt gegenüber der FAZ hervor, dass der Re-Importeur nicht von der gesamten Preisdifferenz zwischen Aus- und Inland profitiert. Die Ware wird von einem Pharmagroßhändler erworben, der auch seinen Gewinn machen möchte. Zusätzlich zu den Transportkosten durch den Import muss der Aufwand für die Umverpackung und die von Hand erfolgte Arbeit von Mitarbeitern, durch neue Beipackzettel und Aufklebern auf den Arzneimittelverpackungen mit eingerechnet werden. Die nötige Qualitätskontrolle im Sinne der Produktsicherheit nicht zu vergessen. Ullrich, dessen Unternehmen vom Regierungspräsidium Darmstadt kontrolliert wird, erläutert: „Wir unterliegen den gleichen Richtlinien wie ein forschendes Unternehmen.“
Bei Axicorp schlägt auĂźer den Transport-, Umverpackungs- und Personalkosten noch die fälligen Rabatte bei Re- und Parallel-Importen zu Buche: 15 Euro oder 13 Prozent je Packung – schlussendlich sollen diese Produkte billiger sein, als das Originalpräparat ohne den Umweg des Handelsweges. Dazu muss noch der sechs Prozentige Herstellerrabatt auf den Arzneimittellistenpreis zugunsten der Krankenkassen gerechnet werden. AbzĂĽglich aller Rabatte und Kosten bleiben bei Axicorp je Arznei ein bis vier Prozent Gewinn hängen. „Und davon muss ich weitere Investitionen bezahlen“, sagt der Chef von 257 Frauen und Männern, darunter drei Lehrlinge.
Aufgrund der Rösler-Pläne ist diese Marge davon bedroht, sich in ein Verlustgeschäft zu wandeln. Auf 16 Prozent will der Minister den Herstellerrabatt anheben. Rechnerisch würden so aus ein bis vier Prozent plus pro Marge ein Minus von sechs bis neun Prozent.
FĂĽr eine differenzierte Betrachtung plädiert Ulrich bei aller anerkannten Notwendigkeit zum Sparen und nennt es „eine Riesenherausforderung“. Dies nicht allein wegen der mehr als 200 Millionen Euro, die Kassen im Jahr durch die Re- und Parallel-Importe direkt sparen, wie der Branchenverband VAD berichtet. Wenn sich fĂĽr Firmen wie Axicorp Re- und Parallelimporte nicht mehr rechnen, profitieren die Hersteller der teureren Oirginalpräparate – Patienten bekämen schlieĂźlich weiter die nötige Arznei durch den Arzt verordnet. Die Krankenkassen mĂĽssten als Folge davon nicht nur höhere Arzneimittelkosten schultern, sondern es wären auch bei den Importeuren Stellen gefährdet. Von bis zu 4000 bundesweit spricht der VAD.
Ungemach bei den Nachahmerarzneihen droht zudem der Axicorp Gmbh, die aufgrund massiven Stellenaufbaus beim Hessen-Champions-Wettbewerb 2006 zum Jobmotor gekürt wurde. Vertrieb und Marketing im Segment der Wirkstoffe hat Ullrich bereits eingestellt, als der Marktführer AOK dazu übergegangen war für die eignen Versicherten, jeden Wirkstoff nur von einem Anbieter zu beziehen. Vertriebsleute in die Apotheken zu schicken, ist schließlich sinnlos, wenn Rabattverträge darüber entscheiden, welche Arznei ein Versicherter bekommt, so Ulrich gegenüber der FAZ. Es gibt aber nun Bestrebungen, dass in der Zukunft wieder mehr Anbieter zum Zuge kommen.
Die in Bad Vilbel ansässige Stada AG hieße dies gut. Nach der jüngsten Bilanzvorlage hat der Vorstandschef der Stada AG, Hartmut Retzlaff, die AOK-Praxis als „Auslaufmodell“ bezeichnet. Stada kämen die guten Apothekenkontakte zupass, sollten mehrere Generikaanbieter einen Zuschlag erhalten. Ullrich fragt sich dagegen: „Wie soll das gehen, wenn ich erst wieder über Monate einen Außendienst aufbauen muss und das bei den Preisen für Generika, die sich am unteren Ende der Skala bewegen?“
Im Bieterverfahren wĂĽrde sich wenigstens die Chance bieten, die Nase vorne zu haben, sofern es bei einem Anbieter bliebe. So wie beim AOK-Los fĂĽr Metformin, das ist ein Standard-Medikament fĂĽr Zuckerkranke. Durch diesen Rabattvertrag wird in der Generika-Sparte ein Umsatzsprung von zwei auf rund zehn Millionen Euro erwartet.
Den Plan seine Belegschaft bis Jahresende auf rund 300 aufzustocken hat Ullrich erst einmal auf Eis gelegt. Als Hintergrund gibt er die Rabattverträge der Kassen an. Durch das AOK-Los mit Metformin würde kein großer Umsatz je Pille folgen. Dies sei aber nicht das einzige Medikament, das die meisten Diabetiker bräuchten. So stehen noch Blutfettsenker, Antihypertonika und Blutverdünner im Raum. Abgedeckt seien diese alle durch Rabattverträge, welche die Krankenkassen nicht mehr als zehn Cent am Tag koste. Ullrich: „Sind zehn Cent, die das Unternehmen erhält, zu viel? Soll ich das auf Null optimieren?“
Bild: flickr / Pink Sherbet Photography